D I E ..W E G B E R E I T E R

Axel und Eigil Axgil waren am 1. Oktober 1989 das erste schwule Paar der Welt, das sich im Kopenhagener Rathaus »trauen« ließ. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Dänen schon seit fast vierzig Jahren zusammengelebt.

Bereits 1956 hatten sie ihre Namen ändern lassen, um der Welt zu zeigen, daß sie zusammengehörten. Aus den zwei Silben ihrer Vornamen schufen sie sich einen gemeinsamen Nachnamen, den zu tragen ihnen auch amtlicherseits zugestanden wurde. 35,- DKR hatte sie das damals nur gekostet. Noch unte seinem Namen Axel Lundahl Madsen hatte Axel Axgil 1948 mit dem Forbundet af 1948 die erste Schwulen- und Lesbenorganisation Skandinaviens ins Leben* gerufen. Im Zuge der dänischen Pornographie-Affäre Mitte der fünfziger Jahre wurden ihm und Eigil Eskildsen die weitere Mitgliedschaft in dem Verband verweigert. Erst Anfang der siebziger Jahre, als dieser von Angehörigen einer jüngeren Generation geleitet wurde, bot man den beiden eine erneute Mitgliedschaft an. 1974 wurde Axel Axgil dann sogar zum Ehrenmitglied des Forbundet af 1948 ernannt.

Axel Lundahl Madsen (*1915), der Gründer des dänischen Forbundet af 1948, und sein Freund Eigil Eskildsen (1922-1995) »verlobten« sich am 15. Januar 1950 und nahmen ab 1956 den gemeinsamen Familiennamen Axgil an. Knapp 40 Jahre später gingen die beiden als »erstes schwules Ehepaar der Welt« in die Geschichte ein. 1950 gründeten sie auch die Firmen International Modelfoto Service (IMS) und Dansk Forretnings Tjeneste (DFT) und gehörten damit zu den führenden Homoporno-Produzenten Skandinaviens. Als die Pornografie- Affäre 1955 und 1956 die dänische Öffentlichkeit erschütterte, wurden sie zu einem Jahr strenger Isolationshaft verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem, sie hätten »Spekulation mit der Sinnlichkeit anderer Leute betrieben«. Axel Lundahl Madsen und Eigil Eskildsen gründeten 1954 die International Homosexual World Organisation (IHWO), die nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu bereits bestehenden Vereinigungen verstanden werden wollte.

 

Die Hochzeit

Alle 10 Bilder anclickbar

 

Axel Axgil:

Der Wegbereiter

Raimund Wolfert

 

Am Abend des 23. Juni 1948 war Axel Lundahl Madsen im nord-dänischen Ålborg zusammen mit einem Freund auf dem Weg, um das traditionelle Sankt-Hans-Fest in der Stadt zu feiern. Schon seit geraumer Zeit trug er die Idee mit sich herum, eine Gemeinschaft für Homosexuelle in Dänemark zu gründen. Ein Jahr zuvor hatte die UNO die Menschenrecht-Charta verkündet. Die Ideale von Frieden, Freiheit und Gemeinschaft nahmen einen zentralen Platz in der öffentlichen Diskussion ein. Eine Katastrophe, wie sie die Jahre vor und während des Zweiten Weltkrieges mit sich gebracht hatten, sollte sich nie mehr wiederholen. Auch was die Situation Homosexueller betraf, stand man an einer Zeitenwende. Der Kinsey-Report, der 1948 innerhalb kurzem zum Bestseller wurde, öffnete vielen die Augen für die Existenz von Homosexuellen und deren Forderung nach Gleichberechtigung.

 

Bestärkt durch die Gespräche mit Freunden faßte Lundahl Madsen an diesem Abend den Entschluß, seine Idee einer Homosexuellen-Organisation in die Tat umzusetzen. Damit legte er den Grundstein für die skandinavische Schwulen- und Lesbenbewegung, deren Geschichte bis auf den heutigen Tag ungeschrieben, trotz einzelner Niederlagen, innerer Konflikte und starken Widerstandes von außen aber eine Erfolgsstory ohne Parallele ist. Daß Dänemark 1989 das erste Land der Welt sein würde, das Schwulen und Lesben die Möglichkeit gab, ihre Partnerschaft staatlich registrieren zu lassen, und daß Axel und sein Freund Eigil im Zuge dessen als erstes schwules Paar der Welt "heiraten" konnten, das hätte Lundahl Madsen sich 1948 dennoch nicht träumen lassen.

"Ich weiß nicht, ob mir die Vereinsarbeit bereits in die Wiege gelegt wurde", sagt er, als wir uns Ende Juni während der diesjährigen Gay & Lesbian Europride-Tage in Kopenhagen treffen. "Auf jeden Fall begann ich schon früh, mich zu engagieren, zum Beispiel in der pazifistischen Vereinigung 'Aldrig mere Krig' (Nie wieder Krieg). Als Sekretär der Odense-Abteilung schrieb ich bereits als junger Mann Artikel für die Mitgliederzeitschrift dieser Vereinigung und hielt bei mehreren Gelegenheiten Vorträge. Später schloß ich mich der Partei Retsforbundet an und war als Vorsitzender der Jugendorganisation dieser Partei auch Mitglied im Jugendausschuß des Ålborger Stadtrates." In den Augen der

anderen war das gleichzeitig betriebene homopolitische Engagement Lundahl Madsens aber ein Ding der Unmöglichkeit, und seine Arbeit für Retsforbundet fand ein jähes Ende, als er Kredsen af 1948 (Der Kreis von 1948), die erste Vereinigung für Schwule und Lesben in Dänemark gegründet hatte. Sie mußte sich alsbald in Forbundet af 1948 (Der Verband von 1948) umbenennen und konnte dadurch einem Prozeß aus dem Wege gehen. Die Schwierigkeiten aber, denen Lundahl Madsen persönlich entgegentreten mußte, als sein Name in Zusammenhang mit der neugegründeten Organisation publik wurde, waren nicht so leicht zu bewältigen. Doch halten wir uns an die Chronologie.

Geboren wurde Axel Lundahl Madsen, der sich heute Axel Axgil nennt, am 3. April 1915 in Odense, wuchs als Adoptivkind aber auf dem Lande auf. Nach Abschluß einer Schneiderlehre ging er nach Jylland, wo er in verschiedenen Städten als Schneidergeselle arbeitete, bis die Materialnot der Kriegsjahre auch ihn zwang, seine Arbeit aufzugeben. Die Not machte ihn indes erfinderisch, und er gründete kurzerhand seine eigene Firma. "In ihr stellte ich Unterhaltungsprogramme und Künstlertourneen auf die Beine, u.a. für den damals bekannten Schauspieler Osvald Helmuth. Später lernte ich auch Thomas Olesen Løkken kennen, einen Schriftsteller, für den ich zeitweilig als Haus- und Bürogehilfe arbeitete. Im Zuge dieser Arbeit begegnete ich vielen, die genauso fühlten wie ich. Einmal luden mich zwei Frauen nach Kopenhagen ein und zeigten mir die Restaurants, die den 'Eingeweihten' als Treffpunkte dienten. Damals hätte ich ja nie gedacht, daß es so viele Homosexuelle gibt."

"Homosexuell" war indes auch nicht das Wort, das man zu jener Zeit benutzte. "Wir sprachen in weit höherem Grad von 'Gefühlsgenossen', wenn wir andere Homosexuelle meinten, bis Helmer Fogedgaard das neue Wort 'homofil' schuf. Das Wort lenkt den Blick ja auch mehr auf die Gefühle, die Liebe, die man für einen Menschen des gleichen Geschlechts empfindet als auf die Sexualität." Helmer Fogedgaard war derjenige, ohne den die Sache 1948 wohl nicht so recht ins Rollen gekommen wäre. Lundahl Madsen hatte von dem "Mann in Rudkøbing" erzählen hören, und von seinen Plänen, eine eigene Zeitschrift für Homosexuelle zu gründen. In ihr lancierte er 1950 das neue Wort "homofil", das fortan seinen Siegeszug über ganz Skandinavien antreten sollte. Noch heute ist es die gängige Fremd- und Selbstbezeichnung homosexueller Männer vor allem in Norwegen, aber auch in Schweden und Dänemark hat es sich neben dem eher klinischen "homosexuell" und Worten wie "bög" und "bøsse" behaupten können.

 

Für Helmer Fogedgaard und Axel Lundahl Madsen bedeutete ihre erste Begegnung den Beginn einer jahrelangen regen Zusammenarbeit und einer bis heute andauernden Freundschaft - platonischer Natur, wie Axel Lundahl Madsen alias Axgil betont. Während er 1948 die Gesetze und Zielparagraphen der neuen Vereinigung ausarbeitete, bereitete Fogedgaard die Herausgabe der Zeitschrift Vennen (Der Freund) vor, deren erster Redakteur er auch wurde. Obschon von vielen befürchtet, führte ihr erstmaliges Erscheinen im Januar 1949 nicht dazu, daß die übrige dänische Presse Zeter und Mordio schrie. Zwar wurde schon bald die hysterische Frage gestellt, ob Vennen nicht verboten werden müßte. Was die neue Vereinigung anbelangte, interessierte man sich aber weniger für deren Ziele, als vielmehr dafür, welche Personen in ihr engagiert waren. Als ein Journalist schließlich herausfand, daß die Postfachnummer des Forbundet af 1948 mit der von Lundahl Madsen identisch war, war der Skandal perfekt. "Ich verlor nicht nur umgehend meine politischen Ämter und wurde aus der Partei ausgeschlossen", erzählt mir Axel Axgil. "Auch mein Vermieter kündigte mir von einem Tag auf den anderen - aus Rücksicht auf seine Frau und die Familie, wie er mir versicherte. In der Pension, wo ich für gewöhnlich aß, teilte mir die Wirtin mit, ich müßte nun woanders hingehen, da die übrigen Gäste in meiner Gegenwart nicht mehr 'speisen' wollten. Am Tag darauf entließ mich mein Chef unter wortreichem Bedauern, schließlich seien in seinem Betrieb ja auch junge Leute tätig. Außerdem müsse er an die Kunden denken! Und als ich dann zu Hause ankam, klingelte auch noch das Telefon. Es waren 'Freunde', die mich baten, ihre Namen und Adressen nicht zu nennen. Einige gingen gar so weit, mich zu bitten, sie nicht mehr zu grüßen, sollten wir uns auf der Straße zufällig einmal begegnen. Da kann man sich heute vielleicht noch vorstellen, was damals für eine Stimmung herrschte."

Doch Lundahl Madsen ließ sich nicht unterkriegen. Ein Umzug in eine andere Stadt war allerdings unvermeidlich, das sah er ein. In Ålborg war der Ruf ein für allemal ruiniert. Hier fand er keine neue Arbeitsstelle mehr, was er auch tat und versuchte, und von irgend etwas mußte er ja leben. So kam er nach Kopenhagen, wo ein Mitglied des Forbundet af 1948 ihm Unterschlupf gewährte, bis er etwas Besseres gefunden hätte. Und Kopenhagen wurde sein Glück. Eigil Eskildsen, der bereits bei Bekannten die ersten Ausgaben von Vennen kennengelernt hatte, suchte ihn hier eines Tages auf, und nach zahlreichen Verabredungen und gemeinsam verbrachten Stunden entschieden sich die beiden am 15. Januar 1950, von nun an auch Tisch und Bett miteinander zu teilen. Das Fundament für eine 45jährige treue und erfüllte Partnerschaft war gelegt, die erst durch den Tod Eigils am 22. September 1995 beendet wurde.

 

Mit dem Forbundet af 1948 ging es seit seiner Gründung steil aufwärts. Anfang 1951 war die Mitgliederzahl des Verbandes bereits auf 1.339 gestiegen. Bald hatte man auch erste "Vertrauensmänner" in Norwegen und Schweden. Sie sollten später die Errichtung eigenständiger Organisationen in den skandinavischen Nachbarländern vorantreiben. Doch auf die anfänglichen Erfolge des Verbandes folgten turbulente Zeiten, die von internen Streitigkeiten, Konkurrenzkampf und persönlichen Angriffen geprägt waren. Lundahl Madsen verließ den Vorstand der Vereinigung, die er selbst ins Leben gerufen hatte, bereits im Mai 1952 wieder. Gleichzeitig wurde den dänischen Homosexuellen von seiten des Staates und der Öffentlichkeit erheblich zugesetzt - nicht nur in Form von "Onaniepatrouillen" der Kopenhagener Polizei, die an Klappen Jagd auf Schwule machte. Die Hetze gegen die Homosexuellen in der dänischen Presse kulminierte in den Jahren 1955 und 1956 in der sogenannten Pornographie-Affäre.

"1950 hatten Eigil und ich zwei Firmen gegründet, in denen wir einen diskreten Verkauf von Nacktbildern männlicher Modelle und von importierten Zeitschriften und Büchern zum Thema Homosexualität betrieben", erzählt Axel Axgil. "Aber als 1954 die Frau eines Lehrers der Inneren Mission einen unserer Verkaufskataloge in die Hände bekam, war das Geschrei groß. Es wurde sogar Anklage gegen uns erhoben. Sie mußte allerdings schnell wieder fallen gelassen werden, als wir nachweisen konnten, daß der betreffende Katalog von dem Lehrer selbst bestellt worden war und wir Werbematerial im übrigen nur auf schriftliche Bestellung und in geschlossenen Briefumschlägen verschickten."

Ein Jahr später sollte man nicht so glimpflich davonkommen. Der Kopenhagener Polizeiinspektor Jens Jersild, bekannt für seine antihomosexuelle Umtriebigkeit, erwirkte am 29. März 1955 einen Durchsuchungsbefehl für die zwei Firmen Lundahl Madsens und Eskildsens. "Das war der Auftakt zu einem Alptraum, der von der Polizei in der gesamten versammelten Presse Dänemarks groß aufgeblasen wurde. In homosexuellen Kreisen herrschte Panik. Es wurden ja immer mehr da hineingezogen, schließlich wurden über 1.000 Homosexuelle verurteilt und verhaftet. Jersild hatte nämlich eine Namenskartei, die er im Zuge unzähliger Verfahren gegen Kopenhagener Strichjungen seit Jahren zusammengetragen hatte. Diesen Strichjungen war versprochen worden, die Anklage gegen sie würde zurückgezogen, wenn sie Namen und Adressen ihrer 'Kunden' mitteilen würden. Bei Durchsuchungen fand man dann bei vielen von ihnen Fotos, wie wir sie vertrieben, und drei dieser 'Kunden' sagten aus, sie hätten sie bei uns gekauft und als Onaniervorlage benutzt. So wurde uns in unserem Prozeß später angelastet, wir hätten 'Spekulation mit der Sinnlichkeit der Leute betrieben'. Wir beide saßen dann über ein Jahr lang in strenger Einzelhaft. Und nach der Entlassung wurde Eigil und mir von seiten der Polizei geraten, wir sollten uns trennen, denn wir hätten einen schlechten Einfluß aufeinander. Wenn wir den Rat nicht befolgten, würde man uns bis ans Ende unser Tage nicht in Ruhe lassen. Da überlegten wir, wie wir der Welt am besten zeigen könnten, daß wir zusammengehörten und ein Paar waren, und kamen auf die Idee mit dem Namen." Aus ihren beiden Vornamen schufen sie den gemeinsamen Nachnamen Axgil, den zu tragen ihnen auch amtlich zugestanden wurde.

1956 mußten Axel und Eigil Axgil wieder beginnen, sich Schritt für Schritt eine neue Existenz aufzubauen. Sie gründeten einen Zeitungskiosk, den sie ein paar Jahre später mit Gewinn verkauften und eröffneten ein Fotogeschäft. Und so ging es weiter. Sie betrieben eine Druckerei und dann eine Ferienpension. 1980 verkauften sie aber auch diese Pension wieder und genossen fortan das Leben, indem sie die Welt bereisten, so bald und so oft die Lust hierzu sich meldete. Fast könnte man meinen, es habe seit Mitte der fünfziger Jahre nur Erfolge und glückliche Zeiten im Leben von Axel und Eigil Axgil gegeben. Wäre da nicht die Sache mit dem Forbundet af 1948 gewesen.

Wie Axel Axgil erzählt, bereitete ihm und seinem Freund nach der Entlassung aus dem Gefängnis die Haltung des Vorstandes eben jener Vereinigung die größte Enttäuschung. Man verweigerte ihnen einfach die weitere Mitgliedschaft. Erst Anfang der siebziger Jahre, als der Verband von Vertretern einer jüngeren Generation geleitet wurde, bot man ihnen an, der Organisation wieder beizutreten. 1974 wurde Axel Axgil dann sogar zum Ehrenmitglied ernannt, was ihn unmäßig freute. Sein homopolitisches Engagement hatte er doch auch in der Zwischenzeit nicht ruhen lassen. Unter dem Namen I.H.W.O. (International Homosexual World Organisation) gründete er 1954 eine neue Organisation, die im wesentlichen auf Korrespondenz-Basis arbeitete und schnell bedeutende Kontakte vor allem im Ausland bekam. Die Organisation, die nicht als Konkurrenz zu bereits bestehenden Vereinigungen wie dem Forbundet af 1948 gedacht war, hatte ihre Blütezeit in den Jahren nach 1968, als man auch die internationale Mitgliederzeitschrift UNI herausgab. Sie erschien in sieben Sprachen. Die I.H.W.O. wandte sich mit zahlreichen Eingaben über Jahre hinweg an die Behörden z.B. auch Finnlands, (West-) Deutschlands und Österreichs, wo männliche Homosexualität noch unter Strafe stand, und trug so dazu bei, daß das Thema in diesen Ländern die gebührende Aufmerksamkeit erfuhr. Gleichzeitig bekamen Schwule durch UNI die Möglichkeit, international in Kontakt miteinander zu treten. Das spornte homosexuelle Gruppen in Ländern wie England, Deutschland, Frankreich, Belgien und Kanada zum weiteren Arbeiten an. Heute haben alle diese Länder eigene stabile Homo-Organisationen. In Deutschland, wo Magnus Hirschfeld mit dem "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" bereits 1897 die erste homosexuelle Selbsthilfeorganisation der Welt gegründet hatte, hatten ja die Nazis jegliche homosexuelle Infrastruktur zerschlagen.

Axel Axgil nennt auch ein Beispiel für die Arbeit der I.H.W.O.: "Aufgrund der Freigabe von pornographischen Schriften und Bildern in Dänemark 1967 und 1969 verschärften damals viele Länder die Zensurbestimmungen für Post aus Dänemark. Darunter auch die Bundesrepublik. Aus dem Anlaß schrieb die I.H.W.O. einen Brief an den damaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt, worin wir gegen die Öffnung von Briefen und anderer Post, die homophile Magazine enthielt, protestierten. Das hatte zum Ergebnis, daß uns das deutsche Finanzministerium, dem die Sache oblag, antwortete, solche Sendungen würden, wenn sie nur für den persönlichen Gebrauch des Empfängers bestimmt sind, 'von sofort an' nicht mehr angehalten." So war also auch hier ein Erfolg erzielt worden.

 

Als Axel und Eigil Axgil nach knapp 40 Jahren des Zusammenlebens am 1. Oktober 1989 als erstes schwules Paar der Welt die registrierte Partnerschaft eingingen, taten sie das "mit großer Befriedigung darüber, daß wir jetzt eine offizielle Anerkennung unseres Zusammenlebens bekommen können - mit allen Rechten und Pflichten, die das mit sich führt." Axel Axgil hofft heute, "daß allen Homosexuellen das Glück und die Befriedigung beschert wird, die uns Dänen nun gesichert ist." Bislang sind zumindest Norwegen, Schweden und Island dem dänischen Beispiel in der Gesetzgebung gefolgt. Ja, Island ging sogar noch einen Schritt weiter: Als erstes Land der Welt räumt es schwulen und lesbischen Paaren seit Juni diesen Jahres auch das Sorgerecht für Kinder ein. Ob andere Länder sich dies zum Vorbild nehmen, wird allein die Zukunft zeigen. Die Weichen hierfür zu stellen, sieht Axel Axgil indes nicht mehr als seine Aufgabe an. Er hat in Dänemark auch so schon genug zu tun. Als Redner und Diskussionspartner im Radio wie im Fernsehen ist er ein gefragter Mann. Das muß auch ich feststellen, als wir plötzlich vom Telefon aufgeschreckt werden. Es ist der dänische Rundfunk, der ein Gespräch zwischen zwei Schwulen quer über die Altersgrenzen hinweg senden will. Als Pionier der skandinavischen Schwulen- und Lesbenbewegung soll Axel Axgil im Dialog mit einem jungen Mann von heute erzählen, wie es war, in den fünfziger Jahren in Dänemark schwul zu sein. Wer könnte das besser als er?

Raimund Wolfert M.A. arbeitet als Journalist und Kulturvermittler in Berlin.

Der Wegbereiter, artikel in NORDEUROPA FORUM Nr.4 1996,

Raimund Wolfert: [email protected]
Axel Axgil: Der Wegbereiter. In: NORDEUROPAforum, 6. Jg., Heft 4, 1996, S. 31–33

FÜR GROSSFORMAT
"AXELHUS - IHWO"



Von Dänemark nach Deutschland – die International Homosexual World Organisation (IHWO)

Von Raimund Wolfert



Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" markiert den Beginn
einer neuen Zeitrechnung, nicht aber den Beginn der zweiten bundesdeutschen Schwulenbewegung. Schon vor der
Uraufführung des Films im Juli 1971 und seiner ersten Fernsehausstrahlung im Dritten Programm des WDR am 31. Januar
1972 hatten sich in Deutschland schwule Kontakt- und Selbsthilfegruppen formiert, die sich allerdings im Unterschied zu
den im Kielwasser des Praunheim-Filmes gegründeten studentischen Schwulengruppen, meist als Interessenverbände von
„Homophilen", „Homoeroten" oder – etwas seltener – von „Homosexuellen" bezeichneten. Unter ihnen befand sich auch
die im September 1969 in Hamburg konstituierte IHWO (Internationale Homophile Welt-Organisation – Gruppe
Norddeutschland e.V.), die 1973 von der Zeitschrift HIM als größte existierende Schwulengruppe der BRD präsentiert
wurde. Unter dem Druck von Schulden in Höhe von fast 20.000 DM löste die IHWO sich 1974, nach knapp fünfjähriger
Tätigkeit in Deutschland, auf. Aus ihrer Konkursmasse entstanden so erfolgreiche Organisationen wie die Berliner
Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) und der Münchener Verein für sexuelle Gleichberechtigung
(VSG). Die IHWO selbst aber fiel bald dem Vergessen anheim oder wurde von späteren Aktivisten als korrupte und
rückwärtsgerichtete Gruppe abgetan.

Einen ersten Versuch der Ehrenrettung der bürgerlichen Homoverbände vor dem Aufkommen der studentischen
Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland hat Florian Mildenberger in der Zeitschrift SG unternommen. Als
Verdienste der „Interessengruppen von Homophilen" wie IHWO, IDH und DHO stellte Mildenberger vor allem deren
konkrete Aktionen wie den Aufbau von Schwulenzentren als Gegenpol zur kommerziellen Subkultur, das Gedenken an
schwule KZ-Opfer und Parteienbefragungen heraus – Aktionen, mit denen die studentische Schwulenbewegung sich
später nicht selten gebrüstet habe, indem sie behauptete, selbst als erste diese Aktionen durchgeführt zu haben. Die
langjährige Vorgeschichte der Hamburger Organisation und ihr besonderes Engagement ließ Mildenberger in seinem
Artikel indes außer acht. Denn die IHWO wurde nicht erst 1969 gegründet, sondern bereits 1954 – und zwar im
dänischen Kopenhagen. Im gleichen Jahr entstanden auch die ersten Kontakte zu Deutschland, vornehmlich zu Schwulen
aus Hamburg. Ihre Blütezeit erlebte die Organisation, die von 1968 bis 1970 auch eine mehrsprachige Mitgliederzeitschrift
herausgab, in den letzten zwei bis drei Jahren vor ihrer Auflösung zum Jahreswechsel 1970/71. Allein 1968 gewann sie
nach eigenen Angaben ganze 2.000 neue Mitglieder. In den letzten Jahren ihres Bestehens, das heißt zum Teil zeitgleich
mit der deutschsprachigen IHWO, die sich 1969 aus der dänischen Mutterorganisation entwickelte, versuchte sie nicht
zuletzt auch auf deutsche Verhältnisse einzuwirken.

Die Anfänge der IHWO liegen heute weitestgehend im Dunkeln. Gründer der International Homosexual World
Organisation (IHWO) waren die beiden Dänen Axel Lundahl Madsen (*1915) und Eigil Eskildsen (1922-1995). Beide
nahmen 1956 den gemeinsamen Nachnamen Axgil an. Lundahl Madsen hatte 1948 im dänischen Ålborg die erste
Schwulen- und Lesbenorganisation Skandinaviens, den Forbundet af 1948 (Verband von 1948), gegründet und damit
den Grundstein für die skandinavische Schwulen- und Lesbenbewegung gelegt. Mit dem Verband ging es seit seiner
Gründung steil aufwärts. Bereits Anfang 1951 zählte er 1.339 Mitglieder und konnte auf „Vertrauensmänner" in
Schweden und Norwegen verweisen. Sie sollten später den Aufbau eigenständiger Homosexuellen-Organisationen in
ihren Heimatländern vorantreiben. Auf die erfreuliche erste Aufbauphase des Forbundet af 1948 folgten aber turbulente
Jahre, die von internen Streitigkeiten, Konkurrenzkampf und persönlichen Angriffen geprägt waren. Eine zentrale Rolle
spielte dabei die Gründung zweier Firmen, Dansk Forretnings Tjeneste (DFT) und International Modelfoto Service
(IMS), durch Lundahl Madsen und Eskildsen im Jahre 1950. Mit ihnen betrieb das Freundespaar den Verkauf von
importierten Zeitschriften und Büchern zum Thema Homosexualität bzw. von selbst angefertigten Nacktbildern männlicher
Modelle. Lundahl Madsen legte den Vorsitz des Verbandes, den er selbst ins Leben gerufen hatte, im Mai 1952 nieder
und gründete die IHWO. Diese sollte indes nicht als Konkurrenz sondern als Ergänzung zu bestehenden Organisationen
wie dem Forbundet af 1948 verstanden werden.

Die IHWO sah sich selbst als „homosexuelle Vereinigung", firmierte zu kommerziellen Zwecken aber auch sporadisch
unverfänglicher als The International Hobbyclubs World Organisation. Mitglied konnte jeder werden, „der mitarbeiten
will und aus der Erkenntnis der Zielsetzung heraus auch die Gleichberechtigung von Homophilen in den Gesellschaften
anerkennt." Die Aufgaben, derer die IHWO sich annehmen wollte, waren in Einklang hiermit allgemein formuliert:
„größere Toleranz und gegenseitiges Verständnis unter Menschen mit divergierenden Auffassungen und Einstellungen zu
schaffen", „einsame Menschen im Kampf gegen die Einsamkeit zu unterstützen" und „gleiches Recht" für alle in
Übereinstimmung mit der Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. Das Stichwort Homosexualität
fiel in der – im übrigen vertraulichen – Selbstdarstellung der Organisation vom September 1952 nicht explizit.

Zentrales Betätigungsfeld der IHWO vor allem der ersten Jahre war der Kampf gegen die Einsamkeit ihrer Mitglieder.
Kontaktannoncen sollten Abhilfe schaffen. Aus Angst vor Repressalien bediente man sich hierbei eines detaillierten
Kodesystems, das nur den Mitgliedern der IHWO bekannt war, ihre Anonymität sichern sollte und gleichzeitig in allen
europäischen Hauptsprachen verständlich sein sollte. Aus heutiger Sicht entbehrt dieses Kodesystem nicht einer gewissen
Komik. So konnte/mußte auch jemand, der so harmlose Interessen wie „klassische Musik", „moderne Musik" oder „Jazz"
pflegte, diese hinter Kürzeln wie II.o., II.p. oder II.r. verbergen. Was die Selbstaussagen der Kontaktsuchenden anging,
konnte unter 16 Kategorien gewählt werden, die von heterosexuell über bisexuell, homosexuell, Transvestit, Narzissist,
Autoerotist, Fetischist, Pygmalist, Sadist, Masochist, Urolagist, Päderast und Voyeur bis hin zu religiös, demütig und still
reichte. Die genaueste Differenzierung konnte bzw. mußte vornehmen, wer Briefmarken oder Postkarten sammelte. Hier
war zwischen ganzen 22 Rubriken zu unterscheiden!

Finanzielles Standbein der IHWO war von Anfang an der Versand von einschlägigen Zeitschriften, Büchern und
Bildmaterial für Homosexuelle. Nach Angaben von 1970 hatte die von Axgil gegründete und mit der IHWO von
Anbeginn an eng verwobene Firma DFT das Alleinvertretungsrecht aller ausländischen homophilen Zeitschriften für
Dänemark und gab selbst eine Reihe kleinerer homophiler Zeitschriften heraus. Wie aus einem undatierten
Verkaufskatalog der IHWO (vermutlich von Mitte der sechziger Jahre) ersichtlich wird, konnten Interessenten Magazine
wie Male Models, eos, amigo, Wonderboy, Der Kreis, Men international, Der Weg, Pan, Oss, Följeslagaren, One,
Two, Drum, Tangents, Justice Weekly, Arcadie und andere beziehen. Daneben vertrieb die IHWO auch Fotobände
wie Jungs bleiben Jungs!, Der Mann in der Photographie oder Der Mann in der Zeichnung sowie Aktfotos und
Filme männlicher Modelle. In geringerem Umfang bot die Organisation auch Zeitschriften und Bücher mit weiblichen
Modellen vornehmlich für männliche, heterosexuelle Leser an.

Genauere Daten über Mitgliederzahlen und Wirkungsfeld der IHWO während der fünfziger Jahre liegen nicht vor.
Vermutlich lag das Engagement aber weitestgehend im persönlichen Bereich bzw. im Verkauf und Vertrieb
pornographischen Materials. Spätestens Anfang der sechziger Jahre mischte die Organisation sich aber auch in die
nationale wie internationale Politik ein. Am 19. Mai 1961 sandte die IHWO einen Protestbrief an sämtliche Mitglieder des
dänischen Reichstages, Folketinget. In dem Brief forderte man auf, bei der bevorstehenden dritten Hörung zur Änderung
des § 225 des dänischen Strafgesetzbuches dem Gesetzesvorschlag nicht zuzustimmen. Das „gefährliche und reaktionäre
Prostitutionsgesetz" führe zu einem höheren Maß an Erpressbarkeit und zur Kriminalisierung harmloser Handlungen wie
gegenseitiger Onanie. Man sah in der geplanten Gesetzesänderung „einen Schandfleck auf unseren demokratischen
Traditionen" und teilte selbstbewußt mit, für wen man sprach: für „ca. 200.000 (homophile) Dänen [...], die sich jetzt
betrogen fühlen, wo sie Verständnis und Hilfe erwartet hatten."

Der Protest der IHWO erzielte keine unmittelbare Wirkung. Das „häßliche Gesetz", wie es von seinen Kritikern genannt
wurde, wurde 1961 verabschiedet. Es verordnete, dass eine Person, die gegen Bezahlung oder das Versprechen einer
Bezahlung versucht, sich Geschlechtsverkehr mit einer Person des eigenen Geschlechts unter 21 Jahren zu verschaffen, mit
Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft wird. Als die Kritikerstimmen aber auch nach Einführung des Gesetzes nicht
verstummten, wurde es 1965 wieder abgeschafft.

Am 17. Januar 1967 protestierte die IHWO im Namen ihrer „mehr als 16.000 homosexuellen Mitglieder und Kunden"
gegenüber dem Botschafter Finnlands in Dänemark gegen die gängige Praxis des finnischen Post- und Zollwesens.
Private, geschlossene Briefsendungen an finnische Mitglieder der IHWO würden entweder zurückgehalten, oder die
Empfänger würden gebeten, die Sendungen am Zollpostamt abzuholen, wo sie in Anwesenheit der Zollbeamten geöffnet
und kommentiert würden. In seiner Antwort vom 27. Februar 1967 rechtfertigte der Botschaftsrat K. Muranen das
Verfahren der finnischen Behörden. „Homosexuelle Publikationen" seien nach finnischem Gesetz verboten, Sendungen mit
entsprechendem Inhalt würden im Einklang mit Artikel 28 der Weltpost-Konvention beschlagnahmt oder vernichtet.

Drei Jahre später, am 5. Februar 1970, wandte die IHWO sich mit einem ähnlichen Protestschreiben an den
Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt. Auslöser für das Schreiben war ein Brief des Berliner
IHWO-Mitgliedes Günter (NR. 149 D 71), das man in der Anlage beifügte. Günter teilte den dänischen „Freunden" mit,
dass er vom Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin über die Beschlagnahme einer Postsendung unterrichtet worden
sei. Bei der Sendung handelte es sich um die Zeitschrift UNI, Nr. 8. Offensichtlich war die Beschlagnahme der Zeitschrift
rein willkürlich erfolgt, hatte doch ein anderes Mitglied der IHWO (Nr. 16.918) in Berlin dieselbe Ausgabe der Zeitschrift
mit siebenwöchiger Verspätung zugestellt bekommen, nachdem das zuständige Zollamt den Brief geöffnet hatte. Doch
damit nicht genug: Nur Tage zuvor hatte die Organisation einen Einschreibebrief an den Berliner Klaus W. als „nicht
behoben" zurückerhalten, obwohl sie gar nicht Absender des Briefes gewesen war. In dem Umschlag befanden sich zwei
pornographische Hefte, die nicht aus dem Sortiment der IHWO stammten, sowie ein Prospekt der Organisation, den die
Zollbeamten vermutlich einer anderen Sendung entnommen und dem Brief versehentlich beigefügt hatten. Unter Verweis
auf die Angst ihrer Mitglieder vor Erpressung bat die IHWO Brandt, Maßnahmen zu ergreifen, wodurch der Zensur durch
die deutschen Post- und Zollbehörden Einhalt geboten wird, und bot an, für ein persönliches Gespräch nach Bonn zu
kommen. Hierzu kam es natürlich nie. Die Antwort aus Deutschland, die wie die Antwort des finnischen Botschafters in
Kopenhagen zuvor nicht lange auf sich warten ließ, war im Unterschied zu jener indes positiv. Am 26. Februar 1970
verlautete das Bundesfinanzministerium, dem das Bundeskanzleramt den Brief übersandt hatte, „daß Schriften der von
Ihnen versandten Art von sofort an von den Post- und Zollstellen nicht mehr angehalten werden, wenn sie in Einzelstücken
eingehen und aus den Umständen des Falles erkennbar nur für den persönlichen Gebrauch des Empfängers bestimmt
sind."

Das Auftreten der Berliner Behörden in Zusammenhang mit der Postsendung der IHWO von 1970 war kein Einzelfall.
Nach Unterlagen, die Axel Axgil dem Verfasser 1996 zur Verfügung stellte, war es allein von Dezember 1968 bis Juni
1969 in mindestens 60 Fällen zur Einziehung, Beschlagnahme und Vernichtung von Druckschriften gekommen, welche die
IHWO aus Dänemark an Empfänger in Deutschland versandt hatte. Sämtliche Sendungen waren von den deutschen
Behörden als unzüchtig erklärt worden, weil man sie als geeignet ansah, „in der Überbetonung des Sexuellen das
Schamgefühl zu verletzen". Ihr Einführen, Anpreisen und Verbreiten erfüllte den Straftatbestand nach § 184 Abs. 1 Ziff. 1
und 1a StGB in der Fassung vom 24.5.1968. Eine Strafverfolgung der Beteiligten war jedoch in keinem dieser Fälle
möglich, da die IHWO ihren Sitz im Ausland hatte, wo die Handlung nicht strafbar war, oder sie schied aus, weil die
Absicht nicht nachzuweisen war, dass der Inhalt der Sendungen Dritten zugänglich gemacht werden sollte. Gleiches
geschah, wenn Schriften mit anderslautendem Absender (Axgil, DFT oder Bellatrix) verschickt wurden.

Von 1968 bis 1970 gab die IHWO die „Internationale Zeitschrift für Freundschaft, Information und Toleranz" UNI mit
insgesamt 12 Nummern heraus. Chefredakteur war der Schwede Michael Holm, als weitere Redakteure fungierten
dessen Freund Geurt Staal und Axel Axgil. Die Zeitschrift informierte in insgesamt sieben Sprachen (Dänisch, Deutsch,
Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch und Schwedisch) über die Tätigkeit der Organisation, brachte
internationale Nachrichten und Kommentare zu Ereignissen in Politik, Gesellschaft und Kultur und druckte in einer
gesonderten Beilage – nicht verschlüsselte aber mit Chiffren versehene – Bekanntschaftsannoncen sowie einzelne
kommerzielle Anzeigen ab. „UNI ist im Wesen die erste wirklich internationale Zeitschrift für Homophile", hieß es stolz im
Geleitwort zur ersten Ausgabe. Verglichen mit heutigen Publikationen erweckt UNI indes eher den Eindruck einer
Schülerzeitung, vor allem der erste Jahrgang. Die einzelnen Hefte waren nur spärlich und recht willkürlich mit Fotos leicht
bekleideter Männer und Jungen sowie mit Cartoons illustriert, das Layout bieder und laienhaft. Geschlechtsteile waren
nicht zu sehen. Eine Vielzahl der Artikel erschien – in den verschiedenen Sprachen – mehrfach in ein und derselben oder
doch zumindest in aufeinanderfolgenden Nummern. Der Fremdsprachengebrauch war oft fehlerhaft und bisweilen
unfreiwillig komisch. In den letzten Nummern scheint nicht nur eine größere Professionalität, sondern auch eine größere
Offenheit zum Ausdruck zu kommen. Hatten die ersten Artikel in UNI in der Regel überhaupt keine Verfasserangaben,
erschienen jetzt vermehrt Artikel unter voller Namensnennung. Der Umfang der Zeitschriftennummern selbst steigerte sich
von anfänglich 32 auf zuletzt 64 Seiten. Durchschnittlich ein Viertel der Seiten war mit deutschen Artikeln bestückt, bei
den Anzeigen lag der Anteil höher: Bis zur Hälfte der Kontaktannoncen stammte aus dem deutschsprachigen Raum: von
Westfalen, Tuttlingen, Heidelberg und Würzburg bis hin zu (Ost-) Berlin.

Zentrales Thema der deutschsprachigen Seiten von UNI bzw. von Nachrichten aus Deutschland war der § 175 und seine
Liberalisierung. Bereits in der ersten Ausgabe der Zeitschrift präsentierte die IHWO sechs Fragen zum § 175, die sie an
den Justizminister der Bundesrepublik Deutschland gerichtet hatte, sowie die Antwort, die sie aus dem Bonner
Ministerium erhalten hatte. Ab Heft UNI 2 lieferte unter dem Pseudonym „Spectator" ein Journalist aus dem Rheinland
regelmäßig „Berichte aus Deutschland". Hinter dem Pseudonym verbarg sich offensichtlich der Kölner Johannes Werres,
einzelne Artikel in UNI jedenfalls wurden auch mit dem Kürzel „JW" gezeichnet, in der Ausgabe 11 erschien sogar sein
voller Name in einer Übersetzerangabe.

Während der Pfingsttage vom 23.-25. Mai 1969 hielt die Organisation ein Mitgliedertreffen im dänischen IHWO-Zentrum
ab. Es erschienen nach eigenen Angaben Mitglieder aus Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Holland,
Kanada, Österreich und Schweden. In dem Erfahrungsaustausch ging es vor allem um Fragen zur Postzensur. Als
besonders bemerkenswert wurde festgehalten, dass eine Anzeigenkampagne in deutschen Zeitschriften gegen § 175,
darunter namentlich genannt das Hamburger Magazin Konkret, zu mehreren tausend Anfragen geführt habe. Über 30.000
Exemplare eines Flugblattes gegen den Paragraph seien von Freunden und Mitarbeitern in Deutschland verteilt worden.

Das Pfingsttreffen 1969 war der Auftakt einer kleinen Reihe von Treffen der IHWO-Mitglieder. Ihren Höhepunkt bildete
offensichtlich der Kongress der Organisation im Frühjahr 1970. Vom 7. bis 10. Mai 1970 trafen sich insgesamt 26
Teilnehmer aus acht Ländern – Schweden, Norwegen, (West-) Deutschland, Holland, Frankreich, Italien, Kanada und
den USA – im süd-schwedischen Björsjölagård, unter ihnen das niederländische Parlamentsmitglied Dr. Edward
Brongersma und zwei Repräsentanten der deutschen Zeitschrift Du und ich. Neben Vertretern skandinavischer Zeitungen
waren auch Ellen Gaardman für den Forbundet af 1948 und Wim Schmelzer von seiten der niederländischen
Nederlandse Vereniging van Homofielen COC anwesend. Schmelzers Bericht an den Vorstand des COC vermittelt
einen Eindruck vom Kongress, dem Organisationsstand und den Plänen der IHWO.

So gab die Organisation an, dass man 1969 zehn Arbeitsgruppen in größeren Städten Europas gegründet habe, so u.a. in
Hamburg, Münster, Stuttgart, Paris und Genf. In England habe man Verbindung mit dem Bürgerrechtskomitee, in die
Länder des Ostblocks unterhalte man individuelle Kontakte. Namentlich wurde das Tschechische Institut für
Sexualforschung genannt. Im übrigen bestehe eine gute Zusammenarbeit mit der Schweizer Organisation Club 68. Die
IHWO habe in Europa 2.396 Mitglieder, welche die Zeitschrift UNI sechs mal im Jahr beziehen. Weitere 1.000
Exemplare der Zeitschrift versende man an Parlamente, Organisationen, die Presse und herausragende Persönlichkeiten.
Der Mitgliedsbeitrag betrage 25 Gulden, wodurch die Kosten für UNI in etwa gedeckt würden. Die übrige Arbeit der
Organisation werde durch die Firma DFT finanziert. Wahrscheinlich werde der IHWO dadurch jährlich ein Betrag von
17.500 bis 20.000 Gulden zur Verfügung gestellt. Die anfallende Arbeit der IHWO werde zu einem Großteil durch DFT
bestritten, indem die Angestellten der Firma einen Teil ihrer Arbeitszeit der Organisationsarbeit zur Verfügung stellten.
Dies Verfahren dürfte im übrigen auch für die Besteuerung von DFT von Vorteil seien. Nach Schmelzers Urteil seien die
Herren Axgil allerdings nicht daran interessiert, Vermögen zu machen. Aus der engen Verflechtung der idealistischen
Arbeit der IHWO mit der kommerziellen Ausbeute von Pornographie durch DFT resultiere die negative Haltung, die eine
Reihe von anderen Schwulenorganisationen der IHWO gegenüber aufbrachten. Diesbezüglich plane die Organisation, eine
Stiftung ins Leben zu rufen, um einen klarere Trennung zu DFT zu vollziehen. An weiteren, konkreten Plänen wurde
genannt, dass man in Italien 10.000 Flugblätter mit allgemeiner Information über Homosexualität verbreiten wolle. Des
Weiteren wolle man in Zusammenarbeit mit einem schwedischen und einem niederländischen Psychiater eine Studie zur
Frage „Was kann der Homophile selbst tun, um seine Situation in der Gesellschaft zu verbessern?" durchführen.
Schließlich plane man, eine Presseschau anzubieten, in der die wichtigsten neuen Artikel über Homosexualität aus
europäischen Zeitungen und Zeitschriften zusammengestellt sind. Diese Presseschau solle nicht nur den eigenen
Mitgliedern zur Verfügung stehen, sondern auch Bibliotheken, Organisationen und anderen homosexuellen Zeitschriften.

Auf dem Kongress der IHWO wurde eine Resolution an die damalige sozialdemokratische Regierung Österreichs
verabschiedet, in der diese aufgefordert wurde, unverzüglich Maßnahmen zur Abschaffung des § 129 zu ergreifen.
Nachdem die BRD im Jahr zuvor die Strafbarkeit homosexueller Beziehungen beseitigt habe, sei Österreich das letzte
deutschsprachige Land und eines der ganz wenigen in Europa, in dem „homophile Menschen" nach wie vor durch die
Polizei verfolgt werden. Dr. Brongersma hielt am Freitag einen Vortrag über das Thema „Homosexualität in der
Gesetzgebung", tags darauf gab es im benachbarten Malmö eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Was kann
der Homophile selbst tun, um seine Situation in der Gesellschaft zu verbessern?"

In einem persönlichen Bericht vom 20. Mai 1970 schrieb Schmelzer, dass er einen sehr guten Gesamteindruck von der
Arbeit der IHWO habe. Die Organisation leiste große individuelle Hilfe und betreibe eine regelmäßige und effektive
Öffentlichkeitsarbeit zu Gunsten der Homophilen. Sie vereine Idealismus und „eine gesunde Politik in dem Sinn, dass man
davon ausgeht, es sei besser, den Überschuss den Homophilen zu geben statt dem dänischen Staat Steuern zu zahlen."
Die Kombination aus kommerziellem Geschäft und idealistischer Einstellung gebe „eine Tiefe, die außenstehende
Zuschauer nicht direkt entdecken." Er mahnte dementsprechend, das herrschende Mißtrauen des COC der IHWO
gegenüber abzubauen.

Die ambitionierten Zukunftspläne der Organisation sollten nicht mehr realisiert werden. Im Juli 1970 verkündeten Axel und
Eigil Axgil, dass sie zum Jahreswechsel 1970/71 aus dem Vorstand der IHWO austreten würden. Offensichtlich gab es
Spannungen zwischen den Gründern der Organisation und ihren Mitarbeitern. Axgil beschuldigten Holm und Staal, dass
sie „ihre Beschäftigung in unserer Firma zu persönlichen Vorteilen benutzten". Holm und Staal erklärten später, die
Zusammenarbeit mit „den Herren Axgil" sei daran gescheitert, dass diese die IHWO entgegen früheren Erklärungen
„immer in erster Linie als kommerziell gesehen" hätten und es ihnen lediglich um „treue Porno-Kunden" gegangen sei. Die
Mitglieder der IHWO wurden davon unterrichtet, dass die Organisation selbst unter neuer Führung (einem Komitee mit
Michael Holm als Präsident und Geurt Staal als Generalsekretär) und unter anderem Namen fortbestehen werde,
nachdem die Zentrale ins schwedische Malmö verlegt worden sei. Für die Zeitschrift UNI sollte ab Ausgabe 13 ein
deutscher Drucker gefunden werden, was aber nicht gelang. Holm und Staal führten die Arbeit unter dem Namen
UNI-Club eine Zeit lang weiter und besorgten von Schweden aus die Redaktion der Zeitschrift Viking. De facto bildete
der Rückzug der Gründer aus der IHWO aber auch das Ende der Organisation. Dass das Namenskürzel in dem
Hamburger Ableger fortbestehen sollte, war nicht beabsichtigt, musste aber von dänischer Seite hingenommen werden, da
der Eintrag ins Hamburger Vereinsregister schon beantragt war, als die Mutterorganisation zerbrach.

Hatte die Arbeitsgruppe Hamburg sich bereits in Ausgabe 8 der Zeitschrift UNI erstmals zu Wort gemeldet, folgte in UNI
12 eine ausführlichere Präsentation der IHWO Hamburg e.V. Ein erstes Treffen des UNI Arbeitskreis Hamburg als
„norddeutscher Ableger des internationalen Verbandes der Homophilen mit Sitz in Dänemark" hatte offensichtlich im
September 1969 stattgefunden. Erst im Juni 1970 gab man sich den Namen IHWO – Hamburg, um Irrtümer zu
vermeiden, dass es sich um einen Arbeitskreis der Hamburger Universität handele. Am 11. August 1970 wurde die
Satzung verabschiedet; Claus Fischdick und Erhard Richter fungierten als erster und zweiter Vorsitzender, Carl Stoewahs
war Schatzmeister, Henry Wörner und Peter Corts Beisitzer. Im August 1970 wurden auch die Mitglieder der IHWO
Dänemark aufgefordert, nur noch den Restbetrag für die Mitgliedschaft im laufenden Kalenderjahr zu überweisen, „da
nach einer Absprache mit unseren dänischen Freunden ihre Mitgliedschaft ab 1. Januar 1971 von uns übernommen wird."
Noch im Monat zuvor hatte Geurt Staal für die dänische Organisation an einer öffentlichen Podiumsdiskussion im
Hamburger Curio-Haus teilgenommen, die von der Zeitschrift HIM organisiert worden war. Die Aufzeichnung der
Diskussion wurde auch von der Redaktion Monitor des WDR am 20. Juli 1970 ausgestrahlt.

Am 1. Februar 1971 wurde die IHWO in das Vereinsregister Hamburgs eingetragen. Damit war zumindest der äußere
Prozess der eigenständigen Vereinsbildung abgeschlossen. Von der dänischen Mutterorganisation hatte man das
Namenskürzel und das Logo (Weltkugel mit Schriftzug „I.H.W.O.") übernommen, im April 1971 riefen Axel und Eigil
Axgil auch die deutschsprachigen Mitglieder der alten IHWO Østervang auf, „unsere deutschen Freunde in ihrer Arbeit zu
stützen." Es ist nicht bekannt, wie viele der einstigen IHWO-Mitglieder in die neue Organisation wechselten. Mit dem
Plazet der dänischen Gründungsväter war man indes endgültig auf eigene Beine gestellt – auch wenn die Kontakte nach
Dänemark wohl nie ganz abbrachen. Mitglieder der Hamburger IHWO erhielten bei den von Axgil betriebenen Firmen
DFT und Bellatrix weiterhin Vergünstigungen, und noch im März 1972 ließ der erste Vorsitzende der IHWO Hamburg
verlauten, Axgil hätten dem Verein stets das Druckmaterial kostenlos überlassen. So seien beispielsweise alle bisherigen
Prospekte der IHWO, Beitrittserklärungen und Mitgliedskarten kostenlos in Dänemark gedruckt worden.

An dieser Stelle soll nicht entschieden werden, aus welchen Motiven Axel und Eigil Axgil die IHWO gründeten und
führten. Verfolgten sie rein kommerzielle Interessen, wie ihre Mitarbeiter Holm und Staal behaupteten, wobei ihnen der
Betrieb einer idealistischen Organisation lediglich das Mittel war, mit dem sie Porno-Kunden an sich binden und ihre
Steuerlast senken konnten? Oder waren sie, wie Wim Schmelzer attestierte, gar nicht daran interessiert, Vermögen zu
machen, sondern paarten Idealismus mit „gesundem Geschäftsverstand"? Insofern ein Großteil der Protestbriefe der
IHWO an ausländische Behörden Fragen der Postzensur galt, könnte man unterstellen, das Geschäftsinteresse habe stets
eine vorrangige Stellung gehabt. Aber wie dem auch sei: Mit knapp 2.400 Mitgliedern bzw. über 16.000 Kunden
weltweit war die IHWO Ende der sechziger Jahre ein riesiger Apparat, der internationale Vernetzung auf mehreren
Ebenen betrieb. Über Annoncen konnten Schwule aus ihrer Einsamkeit heraus in privaten Kontakt miteinander treten; die
Zeitschrift UNI ermöglichte einen Erfahrungs- und Informationsaustausch fernab von jeglicher Pornographie und förderte
damit die politische Bewußtseinsbildung. Das IHWO-Zentrum fungierte als Begegnungsstätte; internationale Treffen und
Kongresse führten zu persönlichen Begegnungen und beflügelten die Beteiligten zu weiterem Engagement. Mit Anzeigen,
Flugblättern und Podiumsdiskussionen wandte die Organisation sich schließlich auch an die breite heterosexuelle
Öffentlichkeit und versuchte, die in den europäischen Gesellschaften herrschenden Einstellungen gegenüber der
Homosexualität zu beeinflussen.

Die Relevanz der IHWO-Vernetzungsarbeit läßt sich heute schlecht messen, ihre Wirkungen können nicht direkt belegt
werden. Doch eins steht fest: Auf das Pornogeschäft allein kann die dänische IHWO nicht reduziert werden. Schließlich
entwickelte sich aus ihr auch der Hamburger Ableger, und der hatte mit Pornographie nicht viel zu tun.

 

 

wpe11.jpg (1841 bytes)
 Helmer Fogedgaard - Axgils & Rolf Loevaas - Allan Hellmann - "Rolf" Karl Meier, - "Bob Angelo" - Eigil Axgil 1922-+95
PIONEERS OF EUROPEAN GAY SOCIETIES 1st PARTNERSHIP PAGE
Helmer Fogedgaard, "Homophilos" (1907-) Editor and publisher of "Vennen" 1949-1955, the Danish F-48 magazine
Allan Hellman, (1904-1982) 1950-51 F-48 /RFSL "The bravest man in Sweden" was for years the only openly gay
Rolf Loevaas (1923-1996) The 1st chair of Norwegian gay society DNF-48 1950-52, prolific gay activist writer
"Rolf" - Karl Meier, (1897-1974) Swiss "Der Kreis" 1942-67, visited Axgils 1954 & 70. Godfather of gay movements
"Bob Angelo" - Niek Engelschman, (1913-1988) founded Dutch COC (1946-63) met Axgils 1949 & 53, decorated 86
Magnus Hirschfeld (1868-1935) WhK 1897-1933 , gay sex researcher as  Alfred Kinsey (1894-1956) who wrote Axgil
Eric Thorsell (1899-1980) with WhK, RFSL/ F-48 Michael Holm & Guert Staal took over "IHWO" (54-70) in 68

 

 

*Queer Living Award * Rainbow Award * Pride! Award * Gaypage Award * GLBT Award

1st Partnership Page  200 visits/day  Dansk  Svensk  Deutsch  email 
© 1997-2001 IHWO  INTERNATIONAL HOMOSEXUAL WEB ORGANIZATION